Historische Leukentaler Tracht um 1880
Bauer und Bäuerin bei St. Johann um 1820
Ranzen mit Federkielstickerei

DIE LEUKENTALER TRACHT


Die traditionelle Leukentaler Tracht, wie sie im St. Johanner Museum ausgestellt ist, war bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts verbreitet. In historischen Berichten von Durchreisenden des 19. Jahrhunderts wird erwähnt, dass die Frauen bei St. Johann diese Tracht samt den hohen Hüten sogar bei der Arbeit auf den Feldern getragen haben sollen. Außerdem wird auch berichtet, dass die Bauernmägde bei diversen Arbeiten, für die sie mehr Bewegungsfreiheit benötigten, weite Hosen aus Leinen über ihre Röcke anzogen und sie wegen des in die Hose gestopften Rockes recht unförmig ausgesehen haben sollen. Der Diplomat Joseph von Hammer-Purgstall schrieb 1797 sogar, dass "die Tracht die Tirolerinnen entstellt: ihre Schönheiten sind hinter Bollwerken und  Verhauen versteckt und verrammelt."

Beachtenswert bei der im Museum ausgestellten Frauentracht sind der wegen seiner hohen Form so genannte "Ofenrohrhut" und die aufwändigen Handarbeiten am Oberteil. Die Leukentaler Frauentracht, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts aus Vorbildern der "Kassettl-Tracht" entwickelte, wird heute überhaupt nicht mehr getragen. Sie wurde inzwischen von der "erneuerten Leukentaler Tracht" abgelöst, die mit ihrem traditionellen Schnürmieder auf jene Formen zurück geht, die Anfang des 19. Jahrhunderts in unserer Gegend üblich waren.

Ein Aquarell mit der Darstellung eines Bauern und einer Bäuerin bei St. Johann aus dem Jahr 1820 zeigt diese ursprüngliche Frauentracht mit dem roten Schnürmieder, das durch eine grüne Borte am Ausschnitt abgeschlossen wird. Darüber wurde eine braune Jacke getragen. Die heute gängige Farbe des Schnürmieders ist bei der erneuerten Frauentracht ebenfalls rot, manchmal auch blau oder grün. Auf verschiedenen historischen Darstellungen der Leukentaler Frauentracht (etwa auf Votivbildern des 19. Jahrhunderts) sind diese Schnürmieder in den genannten Farben zu sehen, wodurch bestätigt ist, dass die heutige "erneuerte Leukentaler Tracht" ihrem historischen Vorbild entspricht.

Merkmale der traditionellen Männertracht sind der lange braune Gehrock, der wegen seiner Schließen ("Hafteln") auch "Haftlrock" genannt wird und in seinem Schnitt noch auf barocke Traditionen zurück geht. Ein weiteres besonders Merkmal ist die für das Leukental typische blaue Farbe der Strümpfe. Die Form des Hutes entwickelte sich aus den Traditionen der Zylinderhüte des Biedemeiers. Die ursprünglichen Kopfbedeckungen waren bei Frauen und Männern jedoch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts grüne Rundhüte, wie sie auf dem Aquarell von 1820 dargestellt sind. Der Bauchgurt ("Ranzen") mit reicher Federkielstickerei gilt als besonderes Statussymbol und geht mit seinen heilbringenden Symbolen bis auf vorchristliche Motive keltischer Gürtelbleche zurück.

Die Leukentaler Männertracht wird heute nicht mehr in dieser Form getragen. In St. Johann in Tirol haben nur noch die Feller-Schützenkompanie sowie die Trachtengruppen Hauser und Edelraute eine weiterentwickelte Form dieser Leukentaler Tracht, die sich von ihrem historischen Vorbild nur durch die weißen anstatt blauen Strümpfe und die kurze Form der Jacke unterscheidet. Diese besitzt aber ihrem historischen Vorbild entsprechend nach wie vor die traditionellen Haftelschließen.


"Kassettl" mit bestickter Ausschnittblende, besticktem Halstuch und "Kropfkette"

DAS "KASSETTL"


Das „Kassettl,“ auch „Röcklgwand“ genannt, ist bis heute im Tiroler Unterland, im benachbarten Salzburger Land sowie in einigen Bereichen Oberbayerns verbreitet. Das Kassettl wird als Festtagstracht nur bei hohen kirchlichen Anlässen getragen. Die Bezeichnung kommt vom korsettartigen Oberteil und entwickelte sich aus dem Wort "Korsettl." Die Ursprünge des Kassettls gehen auf bürgerliche Trachten des 17. Jahrunderts zurück.

Besondere Merkmale dieser Tracht sind die typischen Verzierungen des Oberteiles mit dem eckigen Ausschnitt, die aufwändigen Goldstickereien an der Unterseite des Hutes und am Halstuch, die bestickte Ausschnittblende, die tief angesetzten Ärmel mit Zierbesatz sowie der kleine mit goldenen Quasten geschmückte Hut, dessen Form sich aus einer ursprünglichen Zylinderform entwickelt hat. Der "Kassettl-Hut" wird nur von verheirateten Frauen getragen und mit breiten Samtbändern, deren Enden über den Rücken fallen, am Hinterkopf festgebunden. Unbedingt notwendig ist beim Kassettl auch der spezielle Schmuck mit „Kropfkette“, Ohrringen, Uhrkette und Haarspange. Ursprünglich wurden zu dieser Tracht weiße Strümpfe aus Garn getragen, seit dem 20. Jahrhundert sind jedoch schwarze Seiden- bzw. Nylonstrümpfe üblich. Im Winter wird zusätzlich noch ein großes Schultertuch aus Wollstoff mit Paisleymuster, der so genannte „Doppelschal“ getragen.


"Tanz vor einem Wirtshaus bey St. Johann" kolorierter Kupferstich um 1820.

TRACHTENKLEIDUNG


Die Talschaftstracht war in ihren Farben und Formen nach genauen Normen vorgegeben. So konnte man anhand der Tracht immer erkennen, woher der Träger bzw. die Trägerin kommt, ob er bzw. sie verheiratet, ledig oder verwitwet ist, und anhand der Qulität der verwendeten Materialien konnte man auch den Wohlstand ablesen.

Ab dem 19. Jahrhundert finden sich immer wieder auch modische Erscheinungen, die auf Grund ihrer Abweichungen zur vorgegebenen Tracht als Trachtenmode bezeichnet werden müssen.

Der kolorierte Kupferstich rechts aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigt eindeutig Einflüsse aus der Biedermeiermode und ist ein sehr frühes Beispiel für diese individuelle Ausprägung der Trachtenmode.

Weitere Informationen zum Thema Tracht finden Sie auch unter "Journal" in der 15. Ausgabe unserer heimatkundlichen Schriftenreihe "Zwischen Kaiser, Kalkstein und Horn."
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