St. Johann in Tirol 1920, Aquarell

GESCHICHTLICHE ENTWICKLUNG VON ST. JOHANN IN TIROL

 
St. Johann liegt inmitten des Leukentales, das sich vom Paß Thurn an der Grenze zum Pinzgau bis zum Streichen an der bayerischen Grenze erstreckt. Bereits zur Urnenfelderzeit um 1300 bis 1100 vor Christus ist im südlichen Bereich des Tales bronzezeitlicher Bergbau nachgewiesen, und ab dem 4. Jahrhundert vor Christus betrieben die keltischen Stämme der Ambisonten und Alaunen Kupferbergbau. Ab dem 2. Jahrhundert vor Christus gehörte das Leukental zu den westlichen Ausläufern des keltischen Königreichs Noricum.

Im Jahre 15 vor Christus erobern die Römer den Alpenraum und das Gebiet gehört nun zur römischen Provinz Noricum. Durch St. Johann führte schon seit der Bronzezeit ein Saumweg, der als Handelsroute von Italien über den Felbertauern nach Süddeutschland überregionale Bedeutung hatte. Eine keltisch-römische Siedlung ist jedoch in St. Johann nicht nachgewiesen.


Unsere Heimat zur Römerzeit - rechts: Provinz Noricum (grün), links: die Provinz Raetien, die im 4. Jahrhundert in "Raetia Prima Curiensis (orange) und Raetia Secunda Vindelica (rosa) geteilt wurde.

Nach dem Untergang des weströmischen Reiches (476) kommt die Region im Zuge der Völkerwanderung zum Reich der Ostgoten und durch die Sesshaftwerdung der Bajuwaren im 7. Jahrhundert zum Herzogtum Bayern.

In den folgenden Jahrhunderten baut das bayerische Adelsgeschlecht der Liuchinger, dem das Leukental seinen Namen verdankt, eine Grafschaft im Leukental auf. Die Liuchinger lebten auf der Burg Leukenstein, die sich in St. Johann am Fuße des Niederkaisers befand. Der genaue Standort dieser Burg, die auch Gerichtssitz für die Grafschaft war, ist heute nicht mehr bekannt, jedoch erinnert noch der Hofname „Burgwies“ im St. Johanner Ortsteil Bärnstetten an den ehemaligen Adelssitz.


Das Leukental Richtung Norden mit dem Talkessel von St. Johann in Tirol

Ab 1166 scheinen die Grafen von Falkenstein als Inhaber der Grafschaft im Leukental auf. Diese Familie, die reiche Besitzungen im oberbayerischen Inntal, in Niederbayern, Oberösterreich und Niederösterreich hatte, starb jedoch 1260 aus. Danach wird das Leukental vom bayerischen Herzog nicht mehr als Lehen vergeben und in der Folge von seinen Beamten verwaltet.


Kirche und Pfarrhof von St. Johann, Fresko im Pfarrhof, um 1400.

Im 8. Jahrhundert (wahrscheinlich schon vor 738) errichteten Missionare aus Salzburg in der Gegend von St. Johann eine Taufkirche, die dem Hl. Johannes dem Täufer geweiht war. Um diese Kirche entstand ein Dorf, das den Namen des Kirchenpatrons übernahm. Urkundlich wird die Kirche zum Hl. Johannes, die sich an der Stelle des heutigen Postamtes befand, aber erst 1150 genannt. Die Pfarre bzw. Dorfgemeinschaft von St. Johann scheint 1216 mit der Gründung des Bistums Chiemsee erstmals urkundlich auf. Zu dieser Diözese gehörte St. Johann von 1216 bis 1808.

Als Ur- und Mutterpfarre des Leukentales hatte St. Johann seit dem Mittelalter eine herausragende kirchenhistorische Bedeutung. So erstreckte sich die Pfarre ursprünglich von Jochberg bis Reit im Winkl.


Ulrich von Velben auf dem gotischen Fenster der St. Nikolauskirche in der Weitau

Im 12. und 13. Jahrhundert besitzt ein mächtiges Adelsgeschlecht ausgedehnte Ländereien in der Gegend von St. Johann. Die aus dem Oberpinzgau stammenden Ritter von Velben besaßen eine Burg im Ortsteil Rettenbach, an die heute noch die Hofnamen „Oberbürg" und "Stallbürg“ erinnern. Von der "Vorichtenstein" genannten Burg sind nur noch rudimentäre Geländespuren auf dem "Schlossberg" genannten Hügel zu erkennen. In unmittelbarer Nachbarschaft dazu befand sich die Burg Sperten. Diese befand sich im Besitz der Pfalzgrafen von Ortenburg, die als Vögte der Bischöfe von Regensburg deren Besitzungen im Leukental verwalteten. Von der Spertenburg ist heute nichts mehr erhalten, und so erinnert nur noch der Hofname "Unterbürg" daran.

1262 stifteten Gebhard und Ulrich von Velben das Hospital und die St. Nikolauskirche in der Weitau. Die beiden Glocken dieser Kirche stammen noch aus der Erbauungszeit und sind die ältesten Tirols.

Nach der Stadterhebung von Kitzbühel 1271 wird der Verwaltungs- und Gerichtssitz im Jahr 1297 von der Burg Leukenstein bei St. Johann nach Kitzbühel verlegt. In der Folge ist nicht mehr von der "Grafschaft im Leukental" sondern von der "Herrschaft Kitzbühel" die Rede.


Wappen des Chiemseer Bischofs Anton von Wagensberg auf dem Sockel der Nepomukstatue bei der Wieshoferbrücke 1717

Im Jahr 1348 erreicht die große Pest auch St. Johann und dezimiert die Bevölkerung um mehr als die Hälfte.

1446 wird die Pfarre St. Johann direkt dem Chiemseer Bischof unterstellt und somit zu dessen Pastoral- bzw. Sommerresidenz. Der Bischof von Chiemsee war dadurch  rechtmäßiger Pfarrer von St. Johann, doch übte kein Chiemseer Bischof dieses Amt selber aus, sondern es wurden stets Vikare als Vertreter bestellt.

Mit der ersten bayerischen Landesteilung kam die Herrschaft Kitzbühel von 1255 bis 1340 zu Oberbayern, und auf Grund der Heirat der Gräfin Margarete von Tirol-Görz "Maultasch" mit dem bayerischen Herzog Ludwig dem Brandenburger als Margarethes Witwengut von 1342 bis 1369 vorübergehend zur Grafschaft Tirol. 1392 mit der dritten bayerischen Landesteilung schließlich zu Bayern-Ingolstadt, und 1505 wird die Herrschaft Kitzbühel unter Kaiser Maximilian I. mit Tirol vereint.

 


Bergknappen im 16. Jahrhundert

Durch die Eröffnung des Kupfer- und Silberbergbaues 1540 am Rerobichl bei Oberndorf, das damals zum Gemeindegebiet von St. Johann gehörte, erlangte der Ort großen Reichtum.

Innerhalb kurzer Zeit wurden auf verhältnismäßig kleinem Raum über 600 Schächte für den Kupfer- und Silberabbau errichtet, in denen bis zu 1.500 Bergknappen beschäftigt waren. Die Erzvorkommen mussten in besonders tiefen Schächten abgebaut werden, so war im 17. Jahrhundert der Heilig-Geist-Schacht mit über 780 Metern der tiefste Schacht der Erde. Am Rerobichl wurden in 240 Jahren ca. 1.000 Tonnen Silber und etwa 20.000 Tonnen Kupfer gefördert.


Der Stier des Evangelisten Lukas mit Barockengel in der St. Nikolauskirche in der Weitau

1621 wird die Pfarre St. Johann zum Dekanatssitz erhoben.

Im 17. und 18. Jahrhundert werden mehrere barocke Kunstwerke geschaffen, denen der Ort seinen Beinamen „barockes St. Johann“ verdankt: Antoniuskapelle 1669 – 1674, Einsiedelei 1696, Dekanatspfarrkirche 1723 – 1728, Barockisierung von St. Nikolaus in der Weitau 1744/55, Gmailkapelle 1782.

1740 wird in St. Johann Edmund Angerer geboren, der als Komponist der weltberühmten "Kindersinfonie" in die Musikgeschichte einging.


Dekan Matthias Wieshofer

In den napoleonischen Kriegen rückten die St. Johanner Schützen von 1796 bis 1805 unter ihren Hauptmännern Andreas Augustinus Feller und Josef Hager mehrmals zur Verteidigung des Landes aus.

Durch den Frieden von Preßburg kommt Tirol 1805 zu Bayern, und die Tiroler Schützen beginnen 1809 einen Aufstand gegen die bayerische Herrschaft. Im selben Jahr errichtet der Tiroler Freiheitskämpfer Josef Speckbacher sein Hauptquartier zur Verteidigung des Unterlandes im Gasthof zum Bären. Die St. Johanner Schützen kämpfen bei der Verteidigung des Passes Strub sowie unter Hauptmann Anton Georg Feller bei Kufstein. Im September 1809 rettet Dekan Matthias Wieshofer den Ort vor der Zerstörung durch bayerische und französische Truppen.

Nach dem Wiener Kongress fällt die gefürstete Grafschaft Tirol 1814 wieder an Österreich.

Durch die Auflösung des Bistums Chiemsee 1808 kommt das Dekanat St. Johann zunächst zum Erzbistum Freising dann zur Diözese Brixen und ab 1817 wieder endgültig zum Erzbistum Salzburg.


Der Hauptplatz von St. Johann 1890

1817 wird in St. Johann Emerentiana Hausbacher geboren - die spätere Tourismuspionierin Emma Hellenstainer - die als "Frau Emma in Europa" weltweit Berühmtheit erlangte.

1875 wird St. Johann durch den Bau der Giselabahn an das internationale Eisenbahnnetz angeschlossen. Es folgt ein wirtschaftlicher Aufschwung. Der Fremdenverkehr nimmt seinen Anfang.


Bürgermeister Rudolf Scheider mit der Markterhebungsurkunde 1956. Links unten: das St. Johanner Wappen

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gerät die Bezeichnung "St. Johann im Leukental" immer mehr in Vergessenheit, und es bürgert sich als Name des Ortes "St. Johann in Tirol" ein.

1927 wird Oberndorf von St. Johann abgetrennt und zur eigenen Gemeinde.

1938 wurde Österreich an das "Dritte Reich" angeschlossen. Im Zweiten Weltkrieg blieb St. Johann von Zerstörungen verschont. Nur im April 1945 wurde der St. Johanner Bahnhof bombardiert, jedoch verfehlten die Bomben ihr Ziel und landeten in einem nahe gelegenen Feld. Nach Kriegsende 1945 kam Tirol bis zur Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrages 1955 zur französischen Besatzungszone.

1954 erhält St. Johann ein Wappen, das im grünen Feld ein silbernes Steinbockhorn (als Erinnerung an die Ritter von Velben) und im roten Feld einen goldenen Bischofsstab (als Erinnerung an die Sommerresidenz der Chiemseer Bischöfe) zeigt. 1956 wird der Ort auf Grund seiner historischen und wirtschaftlichen Bedeutung zur Marktgemeinde erhoben.


Der Hauptplatz von St. Johann in Tirol

Ab den 1950er Jahren nimmt die Wirtschaft in St. Johann vor allem in den Bereichen Tourismus, Handel und Gewerbe einen großen Aufschwung. Seit den 1980er Jahren wurde jedoch das ständig steigende Verkehrsaufkommen zu einer immer größer werdenden Belastung für den gesamten Ort. Dank mehrerer Straßenbaumaßnahmen konnte der Durchzugsverkehr in den 1990er Jahren aus dem Ortskern umgeleitet und eine Fußgängerzone eingerichtet werden.
Durch diese Maßnahmen erfuhr besonders der innere Ort eine große Steigerung seiner Attraktivität.


Bezirkskrankenhaus St. Johann in Tirol

Als Standortgemeinde des Bezirkskrankenhauses entwickelte sich St. Johann zum Gesundheitszentrum der Region. Durch mehrere Baumaßnahmen zwischen 1991 und 2011 wurden die medizinischen Einrichtungen kontinuierlich erweitert.

Auch als Schulstandort mit über 3.000 Schülern und Bildungsreinrichtungen wie Bundesgymnasium, Landwirtschaftlicher Landeslehranstalt und Tourismusschulen besitzt St. Johann in Tirol überregionale Bedeutung.


St. Johann in Tirol mit dem Wilden Kaiser

St. Johann in Tirol zählt zu den großen Tiroler Tourismusorten, doch sind andererseits rund 60% der Erwerbstätigen dem Handel und Gewerbe zuzurechnen. Weiters befindet sich hier mit dem "Egger-Werk" ein Industriebetrieb von Weltrang.

Auch die durch viele ebene Flächen bevorzugte Landwirtschaft hat nach wie vor einen großen Stellenwert, sodass St. Johann über eine ausgeglichene Wirtschaftsstruktur verfügt. 203 land- und forstwirtschaftliche Betriebe bewirtschaften eine Fläche von fast 6.000 Hektar.


St. Johann in Tirol mit dem Kitzbüheler Horn

Der große Aufschwung des St. Johanner Wirtschaftslebens dokumentiert sich durch die hohe Zahl an Einpendlern (2.900) und durch ein starkes Bevölkerungswachstum.

So stieg die Einwohnerzahl in den letzten fünfzehn Jahren von ca. 7.100 auf über 9.400 Hauptwohnsitze an, sodass St. Johann inzwischen zur einwohnerstärksten Gemeinde des Bezirkes Kitzbühel wurde.

Laut Statistik nehmen täglich ca. 25.000 Menschen das infrastrukturelle Angebot von St. Johann in Tirol in Anspruch.